Der Weg, der nirgendwohin führt -
In die Stille - Ins Sein

Meine Geschichte ist sicher nicht anders als andere Geschichten, und doch ist jede Geschichte so einzigartig, wie jeder Mensch einzigartig ist. Meine vermeintlich bewusste Suche begann mit dem Ende meines Studiums 1991. Da war so ein Gefühl von zugeschnürtem Hals, von keine Luft mehr bekommen. Meine Grundstimmung war damals, dass das Leben keinen Sinn macht: ...und jetzt noch in die Arbeitswelt - das bringt mich um!
Daraufhin habe ich meinen ersten Workshop besucht. Diesem folgte eine 10-jährige Odyssee durch Jahrestrainings, Ausbildungen, Assistentenjahre, Workshops, diverse spirituelle Arbeitsgruppen, Beschäftigung mit verschiedenen schamanischen Richtungen und spirituellen Disziplinen, auch in Form von Reisen rund um den Globus.
Dabei habe ich mich immer auf dem "richtigen Weg" gefühlt, und irgendwie baute das eine immer auf dem anderen auf. Sicher habe ich eine Menge Erfahrungen gesammelt und mich auf der persönlichen Ebene auch weiterentwickelt, aber ich blieb ein Suchender, und ein bleibender Friede kehrte nicht ein.









Einen Eindruck, was es mit dem Frieden, mit der Stille, auf sich haben könnte, bekam ich dann bei meinem ersten Besuch im Ramana Ashram in Tiruvannamalei/Indien im Herbst 2001.
Bei meinem zweiten Besuch im Ramana Ashram ein Jahr später geschah dann so etwas wie ein Durchbruch. Zum ersten Mal in meinem Leben spürte ich die Liebe zu einem spirituellen Meister in mir und das Bedürfnis, mich ganz zu öffnen und hinzugeben. Im Ashram drückte sich dies für mich in der ehrerbietenden Geste des sich mit ausgestreckten Armen auf den Boden Legens aus. In meinem europäischen und christianisierten Verstand passte dieses Gefühl am besten zu den Worten: "Herr, Dein Wille geschehe". Aber auch: "Du kannst mich haben, Ramana. Ich kapituliere".
Bei den täglichen Meditationen in den "Ramana-Höhlen" des Arunachalas und im Ashram stellte sich dazu dann eine Art Ganzkörperempfindung ein, ein Spüren meines ganzen Körpers, das aber nicht mit den Grenzen meines Körpers aufhörte. Es fühlte sich fast an wie Fieber oder ein schnelles Vibrieren, welches erst nur kürzere Zeit, dann aber immer länger blieb und sich schließlich über den ganzen Tag ausbreitete. Mit der Zeit, auch später in Deutschland, merkte ich, dass mit dieser Vibration eine erstaunliche Ruhe einherging und keine Gedanken zu vernehmen waren. Immer wenn ich dieser Vibration "lauschte", war auch die Stille da. So ist es auch jetzt, wenn ich dies hier schreibe oder mit jemandem spreche. Auf einmal ist da Ruhe!

In den folgenden Monaten geschah so etwas wie ein vermehrtes Auftauchen von Dingen, die mich noch nicht in der Stille sein ließen, und ein immer weiteres Erkennen der Strukturen meines Verstandes und meiner Gefühle. Bei meinem Streifzug durch die derzeitige Satsang-Szene und bei einem weiteren Aufenthalt im Ramana Ashram im Frühjahr 2003 wurde mir unter anderem klar, dass mein Verstand nur eine Ansammlung von einzelnen identifizierten Gedanken ist. Wenn ich diese auseinander nehme und separiere, bleibt nichts übrig von meinem "Verstand". Wo ist dann aber dieses Ich, wenn der Verstand nicht mehr da ist? Gleichzeitig sah ich, dass natürlich der Verstand anderer Personen auch nur aus einzelnen Gedanken besteht und dass, wenn ich mich gedanklich mit anderen Personen befasse, ich mich nur mit einem fiktiven Konstrukt beschäftige und nicht mit etwas Realem. Auf einmal erschien mir jede Art von gedanklicher Beschäftigung völlig überflüssig und nur als ein Ausdruck meines Zweifels, als Beweis dafür, dass ich die Dinge selber im Griff behalten wollte. Also - wozu dieses sinnlose Achterbahnfahren in den unendlichen Weiten des Verstandes?

Ein letztendliches Erkennen geschah in einem Stille-Retreat mit Samarpan, in dem mir auf einmal klar wurde, dass es keine "Personen" gibt. Ich war und bin die Energie, der Raum, in dem alles passiert. Was ich vorher für Personen gehalten habe, waren dann nur noch Gedanken- oder Gefühlsmuster, die wie Blätter auf dem Ganges schwimmen. Ich war und bin der Ganges, auf dem und in dem alles passiert - formlos und frei - ungeteilt - nur ein Bewusstsein.

 

 
     
 
Christoph Gränitz
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