Das Unbeschreibliche - Eine Annäherung

Objektlos

Das, was ist, ist objektlos! Unsere gesamte Außenwelt und unsere Innenwelt ist "vollgestellt" mit Objekten. Sobald wir die Augen öffnen, sehen wir Dinge und benennen diese als solche. Dies geht von einfachen Objekten wie Tasse, Stuhl, Baum oder Vogel bis hin zu: mein Haus, mein Job, meine Frau und mein Mann. Unsere Sinne liefern uns die vielfältigsten Erfahrungsobjekte. Diese mögen wir dann mehr oder weniger und sind mehr oder weniger mit ihnen zufrieden. Als ob diese objekthaften Identifikationen im Äußeren noch nicht genug wären, setzen wir die Identifikation im Inneren fort: in meiner Philosophie, meinem Glauben, meinem spirituellen Weg und auch in meinem Frieden zu den verschiedensten Bedingungen. Dies ist "unsere Welt", aus der sich unser Ich zusammensetzt. So ist es uns beigebracht worden. Dies ist das "Normale".
Über die Jahre haben wir dann versucht, durch die "Jagd" nach den richtigen Objekten unser persönliches Glück zu schmieden. Dabei sind wir dann immer "cleverer" vorgegangen oder haben angefangen zu resignieren als Folge unseres Misserfolges. Dazu kamen dann noch unzählige schmerzhafte Erfahrungen, aus denen natürlich der Wunsch bzw. die Angst entstanden ist, diese nie wieder zu erleben. So pendelte sich unser Leben irgendwo zwischen dem Vermeiden der schmerzhaften Erfahrung und dem Streben nach dem nächsten Glück versprechenden Ziel ein, ein ewiges Ping-Pong-Spiel zwischen Wunsch und Angst.



 

Irgendwann sind die meisten von uns, zumindest die meisten von denen, die diesen Text lesen, dann auf den "spirituellen Weg" gekommen, da es so ja nicht weiter gehen konnte. Das "Fatale" daran ist, dass wir nun mit unserem "objekthaften Training" an die Spiritualität, an das Transzendente herantreten und sozusagen gar nicht anders können, als diese wie etwas Äußeres, wie ein Ding, zu behandeln. Die Folge davon ist, dass wir dann zu all den vorhandenen Dingen in unserem Verstand noch mehr Dinge, nun eben "spirituelle Dinge" hinzuaddieren. Das Leben wird dadurch eigentlich erst einmal komplizierter. Zusätzliche Strukturen und neue Erklärungsmodelle entstehen. Mit unseren alten Strukturen erkunden wir nun, meistens über Jahre oder Jahrzehnte, das Neue, das Spirituelle.

Die Stille, der Frieden, die Liebe und das Sein, welchen Namen man dafür auch benutzen möchte, gehen genau in die entgegengesetzte Richtung. Es ist die Leere, das Nichtbenannte, das Nichtwollen von irgendetwas, das Unbedingte. Es ist das Abziehen von jeglicher Definition und kein Dazuaddieren. Es ist der Raum, in dem das Leben passiert. Es ist der Fluss, auf dem die Dinge des Lebens sich ereignen. Dieser Raum, dieser Fluss ist das, was du bist, reines Sein, reines Bewusstsein.

Frieden

Frieden ist der Raum, in dem alles passiert, alle Erfahrungen, Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle. Dieser Frieden ist unbegrenzt und war schon immer da, auch bevor dieser Raum der Wahrnehmung hier begonnen hat. Er wird auch da sein, wenn dieser Raum vergangen sein wird. Dieser Frieden ist das, was du bist, ist das, was ist. Dieser Frieden ist die Liebe, zu allem was ist, ist die Liebe.
Solange dieser Frieden noch nicht unsere permanente Wahrnehmung ist, haben wir jeden Moment die Wahl, uns für diesen Frieden zu entscheiden oder in dem "Strom der Objekte", bedingt durch die Konditionierung unserer Wahrnehmung, weiterzuschwimmen. Diese Wahl für den Frieden in jedem Moment scheint mir die einzige Wahl zu sein, die wir haben. In der Bedingtheit unserer Wahrnehmung haben wir jedoch nicht wirklich die Wahl. So spielt es eigentlich keine Rolle, ob ich Handwerker oder Akademiker bin, in welcher Stadt ich wohne oder wo ich Urlaub mache. Für das, was unsere Natur
ist, ist dies nicht ausschlaggebend und für unser Glück ist es schon gar nicht bestimmend.
Dieser Frieden ist nicht erreichbar, so wie wir meinen, ein äußeres Objekt oder einen Gefühlszustand erreichen zu können, dieser Frieden ist da, wenn alles Erreichen wollen von uns abfällt, wenn wir nirgendwo mehr hin müssen um anzukommen, wenn wir uns selbst und die Welt vollkommen so annehmen, wie wir sind. Dann tritt auf einmal dieser Frieden zu Tage und wir stellen fest, dass dieser Frieden schon immer da war. Er war nur verschüttet von unserem Wollen, von unserem Unzufriedensein, von unserem Nichtakzeptieren der Dinge, wie sie sind.

Sein - Zeitlos - Im Moment - Das Leiden beenden

Sobald wir anfangen, uns auf den Moment zu konzentrieren und unsere Gedanken und Gefühle zu beobachten, ist dies der Anfang vom Ende unserer Identifikation mit den Gedanken, ist dies der Anfang vom Ende unseres Ich. Wir beobachten, was da in uns vorgeht. Und allein diese Position des Beobachtens gibt uns einen Freiraum, einen Abstand zu dem, was in uns geschieht. In diesem Freiraum kann immer noch eine schmerzhafte Erfahrung stattfinden. Aber wir schauen dieser zu und wissen, dass wir das nicht sind. Diese Erfahrung ist in uns. Sie ist menschlich und gehört zu unserem Körper, aber der Teil, der beobachtet, ist frei und ungebunden und ohne Leiden. Indem wir diesem Teil immer mehr Aufmerksamkeit geben - was nur im Moment geschehen kann - erweitern wir sozusagen den leeren Raum, in dem unsere Erfahrung stattfindet. Die Dinge passieren einfach, aber sie passieren keinem. Die Erfahrungen, ob freudvoll oder schmerzvoll, passieren, aber du bist frei davon, du schaust einfach zu. Es gibt Lebensumstände, aber das Leben, das du bist, ist davon nicht betroffen.

Sich auf den Moment zu konzentrieren, heißt also, die Zeit zu beenden, denn der Moment bleibt immer der Moment. Und mit dem Beenden der Zeit verschwindet auch das Leiden, verschwindet die Beschäftigung mit den unterschiedlichsten Inhalten, verschwindet das Richtig- oder Falschmachen-können. Du bist frei und rückblickend siehst du, dass du das auch schon immer warst. Das, was du "tust" oder "nicht tust", hat nichts damit zu tun, was du bist. Es ist davon unabhängig. Mehr Zeit oder mehr Inhalt zu dem Ich hinzuzuaddieren, hieße nur, mehr Leiden zu erzeugen, hieße, dass ich doch alles selber bestimmen will und hieße, dass ich mit den Objekten meiner Wahl beschäftigt bleibe. Denn wozu sollte ich sie wählen, wenn ich mich dann nicht darum kümmern oder sie nicht für wichtig halten würde?
Der Moment hat nichts mit Kümmern zu tun. Du bemühst dich nur darum, still zu sein und diese Stille kann sich dann mehr und mehr ausbreiten. Dadurch werden der Zweifel und das Sich-kümmern-Wollen immer weniger. Mit der zunehmenden Stille wächst auch das Vertrauen, dass das dein richtiger Ort ist, dass die Stille das
ist, was du bist. Du bist zu Hause. Du bist. Und du siehst deinen Kleinmut, der dich vorher alles Mögliche hat anstellen lassen in der Annahme, eine Wahl zu haben, es gut oder besser zu machen und den Schmerz vermeiden zu können. Aber jetzt bist du frei davon. Du bist einfach und schaust zu, was da auf dem Bildschirm deiner Wahrnehmung vor sich geht: mit "deinem" Körper, mit den anderen Körpern und all den anderen Lebewesen und Dingen. Du staunst nur noch über die vielfältige Ausdrucksweise des Lebens - des Seins - dessen, was du bist.


 
     
 
Christoph Gränitz
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